Carsten Colpe zum 80. Geburtstag

Zumeist laden Gedenktage zur Besinnung ein, in diesem besonderen Fall ist es eher so, daß ich mich darüber freue, meinem Besinnen durch den glücklichen Umstand eines runden Geburtstags einen Ort geben zu dürfen. Mitte letzen Jahres ergab sich für mich die schöne Gelegenheit, mich wieder intensiver mit Gnostizismus, aber auch der Magie zu beschäftigen. So stieg ich in den Keller hinunter, wo als wohl gehüteter Schatz ein dicker Leitz-Ordner mit meinen Vorlesungsmitschriften ruhte: “C. Colpe, Die Gnosis I (WS1991/92)”, “C. Colpe, Die Gnosis II (SS 1992)”, “C. Colpe, Geschichte des Okkultismus I (WS 1992/93)”, “C. Colpe, Geschichte des Okkultismus II (SS 1993)”, “C. Colpe, Grundriß der asiatisch-europäischen Religionsgeschichte I (WS 1993/94)”, “C. Colpe, Grundriß der asiatisch-europäischen Religionsgeschichte II (SS 1994)”, “C. Colpe, Grundriß der asiatisch-europäischen Religionsgeschichte III (WS 1994/95)”. Das Lesen der Mitschriften war auch eine Suche nach den eigenen Wurzeln. Ich fand beim Lesen jene Fülle des Materials und jene Tiefe bei seiner Bearbeitung, durch die Carsten Colpe mich bereits 15 Jahre zuvor in seinen Bann gezogen hatte. Daneben fand ich Mengen von hilfreichen Literaturhinweisen, interessanten Randnotizen und anregenden Fragen, die Colpe selbst aufgeworfen oder die er in mir als Zuhörerin angestoßen hatte - kurz: genug Anregungen zum Weiterdenken und -arbeiten, um Monate und Jahre zu füllen. Angeregt von den Mitschriften, setze ich meine Lektüre in den eigenen Büchern und den Beständen der Universitätsbibliothek fort. Als Studentin hatte ich Colpe vor allem gehört, nun fing ich an, ihn systematischer als je zuvor zu lesen, und ich bin damit noch lange nicht fertig.

Vor zwei Tagen hatte ich die große Freude, Carsten Colpe noch einmal wieder zu treffen. Der Anlaß war eher traurig: Die Schließung des Instituts für Evangelische Theologie mit dem Fach Religionsgeschichte an der FU Berlin. Von 1974 bis zu seiner Emeretierung 1997 hatte Colpe hier das Fach Religionsgeschichte vertreten. Seine eigene Qualifikation als Religionswissenschaftler und zugleich Theologe machten es möglich, daß er dabei aber auch zur Ausbildung der Thelogen viel beitrug. Gerade diese haben durch seine Präsens am Institut die Möglichkeit gehabt, Perspektiven zu entdecken, die sich an anderen theologischen Instituten so kaum eröffneten. Er hat dadurch besonders dazu beigetragen, das Studium der Evangelischen Theologie an der FU zu etwas ganz Besonderen zu machen, was so nicht auch irgendwoanders genausogut hätte geleistet werden können.

Was mich an Carsten Colpe, seinem Lehren und Forschen von Anfang an fasziniert hat, war vor allem sein profundes, ja atemberaubendes Wissen. Unvergesslich ist mir die erste Begegnung mit Colpe im Rahmen einer Ringvorlesung über “Das Böse”, die an der Freien Universität stattfand. Damals studierte ich noch nicht Theologie, wohl aber bereits Geschichte und kam aus dem Staunen nicht heraus, als dieser alte Mann mit der leisen, monotonen Stimme - beides war, wie sein greisenhaftes Erscheinungsbild, seiner Krankheit geschuldet - die unglaublichsten Dinge erzählte über Manichäer und Mandäer und andere geheimnisvolle Menschen und Glaubenssysteme, von deren Existenz ich bis dahin nie gehört hatte. Ich war, sozusagen, angefixt.

Daß Colpe mir als Geschichtsstudentin mit einem Schwerpunkt in der Antike so viel Neues erzählen konnte, lag an seinen Sprach- und Textkentnissen, die ihn befähigen, die üblichen Grenzen zwischen den Disziplinen hinter sich zu lassen. Colpe promovierte in Religionswissenschaften und Theologie, lehrte zeitweise Iranistik. Ich habe ihn während meines Studiums immer als einen ausgezeichneten Kenner der klassichen Alten Sprachen erlebt, der es mit jedem Philologen aufnehmen konnte - und ebenso mit jedem Historiker. Dazu ist es ihm durch seine Kentnisse der orientalischen Sprachen möglich, sich Texte und geistige Räume zu erschließen, die den meisten Historikern und Theologen verschlossen sind und bleiben.

Auch als Person hat Carsten Colpe bei allen, die bei ihm lernen durften, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Zum Teil sicher unfreiwillig, denn zu den bleibenden Eindrücken, die ich fürs Leben mitgenommen habe, gehörte auch, wie Colpe mit seiner Parkinson-Erkrankung umging. Für mich gehört seine Erkrankung untrennbar zu ihm, ich habe ihn bereits als einen davon gekennzeichneten Mann kennen gelernt. Wie er sein Lehren und Forschen der Krankheit abtrotzte, hat mir immer tiefen Respekt abgenötigt. Als seine Studenten gewöhnten wir uns daran, ihn mit dieser Krankheit zu akzeptieren, ohne ihn jemals darüber zu definieren. Daß er sich nicht zurück gezogen hat, sondern sein Wissen und seine Gegenwart mit uns geteilt hat, auch dann, wenn es nicht immer einfach war, war ungeheuer bereichernd, und sein Mut in dieser Sache war und ist inspirierend für mich. Ebenso wichtig ist, daß er sich trotz dieser persönlichen Belastung immer seinen Studenten zugewendet hat. Das Sichzuwenden, daß Hinsehen und Hinhören habe ich immer als Grundgestus Carsten Colpes erlebt, auf dem auch seine bemerkenswerten Qualitäten als Wissenschaftler zu einem großen Maße beruhen.

So war die Beschäftigung mit den exotischsten Feinheiten längst ausgestorbener Denksysteme bei Carsten Colpe nie ein Rückzug aus dem Hier und Jetzt in einen bequemen, weltentrückten Elfenbeintum. Colpe hat sich der Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen nie verweigert, angefangen von seinem Engagement für Menschenrechte im Iran während des Schah-Regimes bis zur Behandlung emotional aufgeladener Themen wie dem “Heiligen Krieg” oder der “Kopftuchdebatte”. Gerade bei diesen vorbelasteten Themen kann Colpe immer wieder duch seine Kentnisse, seine Offenheit, seine Nüchternheit, die doch Engagement nicht ausschließt, überzeugen. Sein Leben und Werk, seine Wirkung in Forschung und Lehre sind so auch eine Demonstration, daß ein fundiertes Urteil ohne profundes Wissen nicht auskommt, daß Aktualität und Nutzbarkeit von Wissen - zumindest in gewissen Bereichen - ohne das scheinbar nutzlose, rein akademische Gelehrtenwissen schnell zum blanken Nachplappern von Vorurteilen verkommt. Colpes Werk ist deshalb auch gerade da, wo es aktuelle Themen berührt, ein Plädoyer für Grundlagenforschung in den Geisteswissenschaften, weil er sichtbar macht, wie nur eine breite und tiefe Bildung ein stabiles Fundament legen kann.

Im Rückblick bin ich außerordentlich dankbar, daß ich von einem Mann wie Carsten Colpe lernen durfte.

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